Beste Eiswaffeln. Seit vier Generationen.
„Ich habe mich für die Familie entschieden“, sagt Sinah Jaspert. Und meint damit nicht ihren Vater, der ihr gegenübersitzt. Sondern die fast 100 Menschen, die hier in Hamm Eiswaffeln backen, verpacken, ausliefern – manche schon in zweiter oder dritter Generation. 2022 ist sie in die Geschäftsführung der Fritz Jaspert KG eingestiegen, führt sie seitdem gemeinsam mit ihrem Vater Ulf Jaspert. Für beide ist die Waffelfabrik mehr als ein Geschäft. Es ist eine Herzensangelegenheit.
Süß und knusprig für Italien
Wer in Italien ein Eis im Hörnchen bestellt, erhält mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Spezialität aus Hamm: eine Frija-Waffel. Die Eiswaffeln werden in einem unscheinbaren Gebäude im Hammer Süden in drei Schichten rund um die Uhr produziert. Die für Italien sind etwas spitzer, für Frankreich etwas breiter – aber immer schön knusprig und mit genau der richtigen buttrig schimmernden Bräune. „Wir können auch bunte Waffeln herstellen. Aber die mag ich nicht“, sagt Ulf Jaspert. Industriewaffeln wurden weitgehend aus dem Sortiment gestrichen, als der Preisdruck in dem Segment zu groß wurde. Stattdessen setzte Jaspert ganz auf Waffeln, die über den Fachgroßhandel an Eisdielen vertrieben werden. Mit diesem Konzept wurde er zu einem der europäischen Marktführer. Der Anspruch ist klar: „Wir machen die besten Waffeln.“ Da sind sich Ulf und Sinah Jaspert voll und ganz einig. In anderen Punkten nicht immer.
Von Hamm in die Welt
Der Urgroßvater von Sinah, Fritz Jaspert, war ein Welveraner Bauernsohn, der von der großen weiten Welt träumte. Er schaffte es in die USA und brachte eine faszinierende Innovation mit zurück nach Hamm: Eishörnchen. 1913 gründete er die Waffelbäckerei, lieferte die ersten Hörnchen mit dem Fahrrad aus. Bald folgten die ersten LKW, immer mehr Angestellte. Doch noch 1978, als Ulf Jaspert den Betrieb in dritter Generation übernahm, meinte sein Vater Wolfgang Jaspert: „Nach Berlin brauchen wir nicht zu liefern, ist viel zu weit.“
Ulf Jaspert sah das anders. Erster Auslandsmarkt: die Niederlande, direkt vor der Haustür, näher als Bayern. Dann Frankreich, die Schweiz, Italien. Heute wird etwa die Hälfte des Umsatzes im europäischen Ausland erwirtschaftet. Eine Tochtergesellschaft in der Nähe von Ferrara übernimmt seit 2020 den Vertrieb in Italien. Sie entstand, weil der dortige Importeur das Unternehmen aus Gesundheitsgründen aufgab und der Markt sonst verloren gegangen wäre. In Japan hat es Jaspert auch einmal versucht, aber wieder aufgegeben: Die Transportkosten waren zu hoch, die Logistik zu kompliziert.
„Die Sinah“
Sinah Jaspert kennt den Betrieb seit Kindheitstagen. Sie hat hier gespielt, in den Semesterferien an den Maschinen gearbeitet, immer nur als „die Sinah“. „Viele wussten gar nicht, dass ich eine Jaspert bin, und waren ganz überrascht, als ich plötzlich Chefin war“, erzählt sie. „Die Sinah“ ist sie allerdings geblieben. Denn in der Führungsposition hat sie das Du eingeführt. Nicht als Anordnung, sondern als Angebot. Alle nennen sie weiterhin beim Vornamen. Wenn auch in einer neuen Rolle.
Ihre Entscheidung für die Übernahme des Betriebs fiel spät und war nicht selbstverständlich. Sinahs großes Interesse galt der Psychologie. Letztlich hat sie es von der Abiturnote abhängig gemacht. Ein Einser: Psychologie, ohne Wartesemester. Ein Zweier: Wirtschaft, in den Betrieb. Es wurde eine 2,0. War Ulf Jaspert damit der erste Vater, der sich über ein schlechteres Abitur gefreut hat?
„Nein“, sagt Ulf Jaspert ernst. „Es war allein ihre Entscheidung. Ein Nachfolger muss das wirklich wollen – und auch dafür geeignet sein. Wenn Sinah sich anders entschieden hätte, hätte ich verkauft.“
Sinah Jaspert studierte International Business Studies und schrieb ihre Abschlussarbeit am Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie, Thema Jobcrafting. Dieses Wissen bringt sie auch in den Betrieb ein. „Das Thema Personal wird immer wichtiger. Motivation und Mitarbeiterbindung sind entscheidende Erfolgsfaktoren“, sagt sie.
Ihr Vater kommt aus einer anderen Schule. Mit jahrzehntelanger Erfahrung und großem Renommee in einer kleinen Branche, einem Gespür für jeden Kunden und auch für Preisspannen. Sinah Jaspert sieht das als Ergänzung: „Auf der einen Seite Erfahrung, auf der anderen neue Ideen. Manchmal sind wir unterschiedlicher Meinung. Wir können beide stur sein.“ Und einigen sich dann doch.
Improvisation und Geschäftssinn
Externe Beratung? Haben sie nicht genutzt. Einen definierten Übergabeplan? „Unser Generationsübergabeplan ist quasi chaotisch“, sagt Sinah Jaspert und lacht. Ihr Vater nickt. Das Unternehmen improvisiert jeden Tag: wetterabhängig, saisonabhängig, abhängig von Sonderwünschen der Eisdielen. So läuft auch die Nachfolge. Doch unter der sympathisch spontanen Oberfläche verbirgt sich ein ausgeprägter Geschäftssinn. Und das Bewusstsein, dass es am Ende des Tages darum geht, Gewinne zu erzielen. Bei beiden.
Die Anteilsstruktur wurde 2022 neu geregelt. Ulf Jaspert war damals 68 Jahre alt, Sinah 27. Dirk Jaspert, Ulfs Bruder, schied aus der Geschäftsführung aus und verkaufte seine Anteile an Sinah. Die Mehrheit liegt nun bei ihr. „Deswegen muss ich hier immer ganz artig sein“, sagt Ulf Jaspert. Ist er artig? Sinah Jaspert: „Nie!“
Als Beispiel führt Sinah die Freitagsregel an. Freitags ist sein freier Tag. Das hat sie durchgesetzt. So übt er das Loslassen, sie die Übernahme von Verantwortung. „Mir ist es wichtig, langsam zu wachsen“, sagt sie. „Entscheidungen zu fällen, ohne mal eben über den Schreibtisch hinweg nachzufragen.“ Manchmal versucht er, zu verhandeln: Er war doch Montag schon nicht da, also müsste Freitag eigentlich okay sein. Sie bleibt hart.
Der erste Generalprobe haben die beiden im vergangenen Sommer bestanden. Ulf Jaspert machte eine Kreuzfahrt, Hamburg bis Nordkap, 13 Tage. „So lange war ich noch nie weg.“ Und das mitten in der Saison, zeitweise ohne Handy-Empfang. Es habe hervorragend geklappt, bestätigte die Führungsriege hinterher. Ulf Jaspert ist stolz darauf. Mittlerweile überlässt er Sinah auch gerne Besuche bei Stammkunden im Ausland.
Könnten hier in Zukunft Roboter übernehmen? Sinah Jaspert: „Kommt nicht in Frage!“ Nicht wegen der Kosten, sondern wegen der Qualität. „Menschliche Hände können so weich und vorsichtig sein. Das kann keine Maschine ersetzen.“ Und: Sie will es nicht.
Fotogalerie: © Heinz Feußner
Etwa 80 Prozent der Belegschaft sind Frauen. Alle sozialversicherungspflichtig beschäftigt, fast alle in Vollzeit. Die wenigen Teilzeitkräfte können Ulf und Sinah Jaspert namentlich aufzählen. Mittlerweile wenden sich die Mitarbeiter:innen mit Problemen und Anliegen meist an Sinah Jaspert, nicht mehr an den Vater. Ein stiller, aber deutlicher Beweis, dass die Übergabe nicht nur auf dem Papier stattfindet.
Vor Kurzem schaffte Sinah für die Belegschaft eine professionelle Eismaschine an. An besonders heißen Tagen gibt es in der Pause Eis in eigenen Waffeln, draußen in der Sonne. Ein Kunde in Süddeutschland hatte sie auf die Idee gebracht. „Darauf wäre ich gar nicht gekommen“, sagt Ulf Jaspert.
Zukunftspläne
Sinah Jasperts Ziel für die nächsten Jahre ist konkret: ganzjährige Beschäftigung. Saisonkräfte, die seit Jahren im Frühjahr zurückkommen, sollen irgendwann nicht mehr nach Hause geschickt werden müssen. Dafür bräuchte es ein Winterprodukt. Ideal wäre etwas, das über die bestehenden Großhändler läuft, vielleicht aus dem Bäckereibedarf.
Der Standort ist gesetzt. Mitten in der Stadt, gut erreichbar mit dem Bus – für eine Belegschaft, die größtenteils kein Auto zur Verfügung hat, ist das ein entscheidender Faktor. Eine Erweiterung wäre schön, ist aber kompliziert. Der Großvater hätte das Nachbargrundstück kaufen können. Er hat es gelassen, zu risikoreich. „Im Nachhinein weiß man es immer besser“, sagt Ulf Jaspert.
Und wann wird es so weit sein, dass Ulf Jaspert den Betrieb endgültig verlässt? Sinah Jaspert antwortet an seiner Stelle: „Wenn ich die Schlösser austausche.“ Und dann: Donnerstag soll sein nächster freier Tag werden. Demnächst.
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01/2026